Warum heißt unser Chor so?
Selbst altgediente Chormitglieder wissen darauf keine ausreichende Antwort zu geben. Nun war es in der DDR durchaus üblich, Ehrennamen an Betriebe, Schulen und andere Einrichtungen sowie an Kulturgruppen zu verleihen. Damals war das Kulturhaus Friedrich Wolf unser Probenort was lag da wohl näher, als diesen Namen für uns zu wählen. Als Literat war Friedrich Wolf den Künsten stets verbunden und sein humanistisches Wirken stellte er nicht nur als Arzt in den Dienst der Menschheit.
Friedrich Wolf wer war denn das?
Wohl fast jeder Ostdeutsche kennt den Namen dieses jüdischen Arztes und Schriftstellers, zählten doch einige seiner Werke zur Pflichtliteratur im Deutschunterricht. Mitglieder von Chören aus den alten Bundesländern, die uns näher kennen lernen möchten, schlagen zunächst im Musiklexikon nach, um herauszufinden, nach welcher Persönlichkeit unser Chor benannt ist. Vergeblich! Eine Beziehung zur Musik lässt sich bei Friedrich Wolf leider kaum herstellen.
Biographie von Friedrich WolfGeb. 23.12.1888 in Neuwied am RheinGest. 05.10.1953 in Lehnitz bei Oranienburg1894 Einschulung in die jüdische Volksschule Neuwied1899 Wechsel auf das hiesige königlich-preußische Gymnasium1903 von zu Hause ausgerissen und fährt auf einem Rheinkutter als Schiffsjunge (zunächst als blinder Passagier) ohne Wissen der Eltern nach Holland, schließlich bis England1906 Unterbrechung des Schulbesuchs wegen einer schweren Krebserkrankung der Muttererste Kontakte zur Wandervogel-Bewegung1907 AbiturMilitärdienst in HeidelbergBeginn des Studiums (Medizin mit Nebenfächern Philosophie und Kunstgeschichte) in Heidelberg, Tübingen, Bonn und Berlin1908 Fußwanderung durch Italien (über München, Venedig, Florenz nach Rom)1913 Promotion zum Dr. med. (Dissertation über die Multiple Sklerose im Kindesalter) an der Universität BonnAssistenzarzt zunächst in Meißen (Chirurgie), danach in psychiatrische Heil- und Pflegeanstalten in Dresden und BonnAustritt aus der jüdischen Gemeinde (darüber Zerwürfnis mit dem Vater)1914 als Schiffsarzt des Norddeutschland Lloyd auf Reisen nach USA, Kanada und Grönlandnach Ausbruch des I. Weltkrieges Truppenarzt an der WestfrontHochzeit mit Käthe Gumpold in Koblenz1915 Geburt seiner ersten Tochter JohannaÜbersiedlung der Familie nach Wendenschloß bei Berlin1916 verwundet an der Sommedie Kriegsgreul bekehren ihn zum KriegsgegnerÜbersiedlung der Familie nach Langebrück bei Dresden1917 zum zweiten Mal verwundet bei Langemark1918 wendet sich öffentlich gegen den Krieg: nach pazifistischen Predigten im Sinne Tolstois wird er einige Zeit vom Dienst suspendiert und als Patient in das Erholungslazarett Kipsdorf zur Genesung eingewiesen1919 Tod des VatersGeburt des ersten Sohnes LukasWährend einer Demonstration aus Anlass der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wird er verhaftet und kurze Zeit bei Pirna interniert1920 Stadtarzt in Remscheid (auf seine Initiative hin werden die ersten Mütterberatungsstellen eingerichtet und eine regelmäßige schulärztliche Untersuchung der Kinder durchgeführt)während des rechtsgerichteten Kapp-Putsches war er an exponierter Stelle (auch militärisch als Roter General) aktiv im gewerkschaftlichen Widerstand zur Niederschlagung des Umsturzversuches1921 den Sommer verbringt er in Worpswede und nimmt dort teil am Experiment des Malers Heinrich Vogeler, eine Landkommune zu gründenWolf verließ schließlich Worpswede, um sich in Hechingen/Rauhe Alb als Landarzt niederzulassen.Trennung von seiner Frau Käthe1922 Heiratet in zweiter Ehe die Kindergärtnerin Else Dreibholz aus Remscheid1923 Geburt des zweiten Sohnes Markus/p>1924 Mitglied im Verein sozialistischer Ärzte (dem u.a. auch Alfred Döblin angehörte)1925 Geburt des dritten Sohnes KonradAufführung des Armen Konrad in Neuwied1926 Übersiedlung nach Höllstieg/Bodensee, um in Ruhe sein Arztbuch Die Natur als Arzt und Helfer vollenden zu könnenTod der Mutter, aus Anlass ihrer Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof in Niederbieber besucht er (vermutlich) zum letzten Mal seine Geburtsstadt1927 Übersiedlung nach Stuttgart und dort als praktizierender Arzt tätigEintritt in die KPDMitgliedschaft im Arbeiter Theaterbund sowie im Arbeite Radiobund und Mitbegründer des Volksfilmverbandes1931 im Februar wird er anlässlich der Aufführung seines Stückes Cyankali - §218 wegen angeblichen Verstoßes gegen das Abtreibungsverbot verhaftet. Erst nach massiven internationalen Protesten und da sich der gegen ihn erhobene Verdacht nicht erhärten ließ, wird er wieder auf freien Fuß gesetzt. Am 15. April fand dann im Berliner Sportpalast eine Großkundgebung gegen den §218 stattkandidierte bei den Stuttgarter Gemeinderatswahlen für die KPD1932 Gründung des Spieltrupps Südwest, eine freie Arbeiter-Theatergruppe in Stuttgart (1933 verboten)im Januar für kurze Zeit in Schutzhaft genommen1933 als einer der ersten flieht er bereits Anfang März ins Exil (über Österreich, Schweiz, Frankreich in die Sowjetunion)am 10. Mai lodern in Deutschland die Scheiterhaufen der Bücherverbrennung, in denen auch seine Schriften in Flammen aufgehen1934 Geburt der zweiten (nicht ehelichen) Tochter Lenain Deutschland wird sein Vermögen enteignetRede auf dem Sowjetischen Schriftstellerkongress in Moskau1935 Rede auf dem Amerikanischen Schriftstellerkongress in New Yorkendgültige Ausbürgerung durch die Nazis. Begründet mit seiner Stellungnahme zum Saarkampf (Gegner Hitler-Faschismus riefen damals die Bevölkerung des Saarlandes vergeblich dazu auf, im bevorstehenden Volksentscheid gegen eine Angliederung ans Deutsche Reich und für eine Beibehaltung der seit 1918 bestehenden Völkerbundsverwaltung zu stimmen)Am 15. September verkündet Hitler die Nürnberger Rassengesetze1936 Vortragsreisen durch Skandinavien (dabei auch Kontakt zu Willy Brandt)1937 viele seiner Moskauer Freunde werden Opfer der stalinistischen Säuberungen. Gegen Trotzkisten, und auch ein unorthodoxer Kommunist wie Wolf stand stets in Gefahr verhaftet zu werden. Ende des Jahres verließ er die UdSSR in Richtung Spanien1938 doch sein Versuch, an der Seite der republikanischen Truppen im Bürgerkrieg gegen Franco zu kämpfen, endet in Frankreich. Der Grenzübertritt wird ihm verwehrtReichskristallnacht (in der Nacht vom 9. Auf den 10. November zerstört, brandschatzt und plündert der Mob in Deutschland die Synagogen, Geschäfte und Wohnungen jüdischer Mitbürger)1939 in der UdSSR wird (als Folge des Hitler-Stalin-Paktes) die Aufführung des Professor Mamlock - Filmes verboten. Verhandlungen über Filmprojekte in Hollywood (und die damit verbundene Hoffnung auf eine Auswanderung nach USA) scheitern1939-1941 Spanienkämpfer, um der Verfolgung durch Stalins Geheimdienst zu entgehen und Internierung in Frankreich1943 Mitbegründer des Nationalkomitees Freies Deutschland1945 Rückkehr nach Deutschland1946 Mitbegründer der DEFA1950-1952 Botschafter der DDR in PolenSeine Hauptwerke sind Theaterstücke:· Professor Mamlock· Cyankali· Der arme Konrad· Kolonne· das Filmdrehbuch Rat der Götter· das Drama Thomas Müntzer· und die beliebte Geschichte von der Weihnachtsgans AugusteVerzeiht! 1945 Verzeiht, daß ich ein Mensch bin, Den in dieser eisernen Zeit Auf einer grünen Wiese Eine bunte Blume erfreut. Verzeiht, daß ich ein Mensch bin, Der in dem Haß und Todeshauch Vielleicht zuviel gehasset, Doch stark geliebet auch. Und wenn ich zuviel gehasset Und eine geliebet zu sehr Verzeiht daß ich ein Mensch bin Und nicht ein Heiliger.